Für all diejenigen, die es nicht zu unserer Veranstaltung am Freitag geschafft haben, wollen wir an dieser Stelle zusammenfassen, was in dem spannenden Vortrag von Michael Knapp zu erfahren war.

Der VortragIMG_0107

Mit ungefähr 30 Leuten war der Raum in der Fischstraße angemessen gefüllt, das Publikum war eine bunte Mischung aus jung und alt, darunter viele uns unbekannte Gesichter, was bei einer politischen Veranstaltung in Greifswald immer erfreulich ist, tummelt sich doch allzu oft der immergleiche Kreis von Mitgliedern politischer Hochschulgruppen auf derartigen Veranstaltungen. Aber dieser Kreis war am Freitag vermutlich zur Nazi-Aussteigerveranstaltung des AStA gegangen.

IMG_0109Unsere Gäste wurden offensichtlich gefesselt aus der Mischung von Informationen und Erlebnisberichten, die der Referent mithilfe zahlreicher selbst gemachter Fotos untermalte. Den kurdischen Gebieten in Syrien schenken die hiesigen Medien sehr wenig Aufmerksamkeit oder zeichnen gar ein völlig wirklichkeitsfernes Bild von ihnen, selbst im Zuge der derzeitigen Offensive der ISIS ist die Berichterstattung nicht fundierter geworden. Ein großes Augenmerk legte Michael dabei auf die außerordentlich fortschrittlichen demokratischen Ansätze, die in der Region trotz aller Widrigkeiten gelebt werden.

Im Rahmen der Kampagne Tatort Kurdistan war unser Referent, der Mitglied des Kurdistan Solidaritätskomitees ist, im Mai 2014 nach Nordsyrien bzw. Westkurdistan gereist. Im Folgenden fassen wir einige Punkte dessen zusammen, was er uns am Freitag berichtete.   Kurdistan

„Räterepublik“

In den drei kurdischen Gebieten im Norden Syriens organisieren die Menschen ihr Leben auf basisdemokratische Weise von der Kommune aus. Menschen, die einander kennen und in der selben Straße leben, koordinieren das tägliche eben, bilden Kommissionen und regeln mit deren Hilfe das Leben, inspiriert von den Ideen von Abdullah Öcalan. Aus den Kommunen werden Vertreter in höhere Räte entsandt, sodass die gesamte Gesellschaft von unten nach oben demokratisch organisiert und auf Beteiligung angewiesen ist. Selbst die Armee und die Streitkräfte unterliegen demokratischen Bestimmungen. Von staatlichen Strukturen spricht man ungern, stattdessen erkennt man diese nur insoweit an, wie sie die Grundlagen für das friedliche Zusammenleben der Einwohner garantieren. Dementsprechend wird die syrische Regierung derzeit nicht akzeptiert. Dennoch sind auch Parlamentswahlen vorgesehen, um diejenigen zu berücksichtigen, welche sich an den Rätestrukturen nicht beteiligen wollen oder können und somit auf Vertretende angewiesen sind.

FrauenbewegungKurdinnen

Einerseits sind alle Ämter in Rojava, der kurdischen Region im Nordosten Syriens, quotiert und von Doppelspitzen besetzt, andererseits gibt es aber auch starke parallele Strukturen, die die Rolle der Frau weiter stärken sollen, wie eigene Frauenräte sowie Hilfs- und Bildungseinrichtungen. Es existiert auch eine eigene Frauenarmee.

Ständige Bedrohung

Die drei kurdischen unabhängigen Gebiete sind in dem Machtvakuum entstanden, welches von den syrischen Truppen im Zuge der Bekämpfung von Aufständen an anderen Orten im Land hinterlassen wurde. Derzeit kann der syrische Staat nicht Kurden in Syrienanders, als die Unabhängigkeit zu akzeptieren, aber unter veränderten Kräfteverhältnissen mag sich die Situation schnell ändern. Rojava wird von allen Seiten bedroht, ständig herrschen Auseinandersetzungen mit den Islamisten der ISIS, die nun auch die irakische Grenze besetzt halten. Im Norden blockiert die Türkei die Grenze und unterstützt stattdessen ebenfalls fragwürdige Gruppen innerhalb der „Freien Syrischen Armee“. Es kommen weitere Schwierigkeiten aufgrund der rückständigen Wirtschaft der Region hinzu, Öl gibt es wenig und kann auch nicht exportiert werden, auf den Feldern wird ausschließlich Weizen angebaut.

Ungewisse Zukunft

Der Vortrag von Michael Knapp hat uns einen faszinierenden Einblick gegeben in eine Gesellschaft, die in ihrer demokratischen und auf Gleichberechtigung und Frieden abzielenden Verfassung beinahe utopisch erscheint und dennoch unter den denkbar einfachsten und extremsten Bedingungen existiert. Wie lange noch, bleibt ungewiss.

Unter folgenden Links könnt ihr noch mehr Infos als diese Kurzzusammenfassung erhalten oder im besten Fall auch selbst Kontakt aufnehmen, um zu helfen.

http://tatortkurdistan.blogsport.de/

Informationsstelle Kurdistan

Kurdistan Solidaritätskomitee Berlin

Kurdistanhilfe e.V.

Bilder von der Veranstaltung selbst sind Eigentum von Marian Wurm. Die weiteren Bilder und Grafiken in diesem Beitrag mit freundlicher Genehmigung von Michael Knapp.